56. Tag: Auvillar – Lectoure

Sonntag, 14. Oktober 2018
Strecke: 33,6km – Etappe: 323,9km – Gesamt: 1.656,5km
Gehzeit: 9:15 brutto / 7:15 netto.

Heute geht das Leben recht früh los. Einerseits klappert es auf dem Markt schon recht zeitig, andererseits haben wir ein ganzes Stück vor uns und am späten Nachmittag ist schlechtes Wetter vorhergesehen. Es fällt uns schwer, uns vom netten Frühstück im mittelalterlichen Küchengewölbe loszureissen.

So stehen wir schon um kurz nach neun auf dem Marktplatz – zu früh als dass es da schon wirklich etwas zu sehen gäbe. Wir wagen noch einen kurzen Blick von der Panorama-Terrasse und verlassen dann den Ort.

Auvillar streckt sich nicht so sehr wie andere kleine Städte, und so sind wir nach dem Kreuzen der nahen Autobahn nach ein Paar Metern runter und wieder hoch gut warm in der Sonne auf den einsamen Feldern. Die Landschaft ist wellig, und so ist es heute auch der Weg. In kurzen Klamotten geht es in der prallen Sonne Richtung Südwesten. Besser geht’s kaum. Wir kommen gut voran. Es gibt ja auch keine große Ablenkung.
Bei Kilometer 8,5 kommen wir direkt durch Saint Antoine. Eigentlich ein ganz nettes Plätzchen, durch das etwas spätmittelalterliches Flair schwappt. Auch durch die kleine Kirche, deren etwas muffiger Geist an einem regnerischen Tag sicher mehr begeistern könnte. Aber die Sonne zieht uns förmlich weiter.

Das war’s dann aber auch mal wieder in Sachen geschlossener (im wahrsten Wortsinn, ein Café wäre wie immer nett) Siedlung, es geht stundenlang weiter durch die um diese Jahreszeit selbstverständlich bereits abgeernteten Felder. Hier und da zeugt eine Burgruine oder ein großzügiges verlassenes Gut vom ehemaligem Reichtum der fruchtbaren Gegend. Ich glaube, die Landschaft würde so auch in die Toskana passen. Uns scheint prall die Sonne, doch am Nachmittag werden die leichten Flusen am südwestlichen Horizont etwas fester.

Bei Kilometer 13 erreichen wir Flamarens, wo wir an einem netten Plätzchen für eine Pause auch auf andere Wanderer treffen. Die scheinen sich von uns aber eher gejagt zu fühlen, vermeiden die Kommunikation und packen ihre Siebensachen. Erstmalig fällt während der Pause kurz ein etwas frisches Lüftchen auf, angnehm!
Interessant an Flamarens ist das einerseits gut erhaltene und bewohnte, etwas trutzige Schloß und in direkter Nachbarschaft eine Kirche ohne Dach, deren Außenmauern aber offensichtlich am Einsturz gehindert werden.

Wenn man könnte, könnte man hier wohl die Pyrenäen sehen…

Der durch und durch sommerliche Eindruck dämpft sich deutlich als wir bei Kilometer 17 Miradoux erreichen. Durch die Straßen weht es jetzt schon etwas entschlossener und kühler; subjektiv dadurch verstärkt, dass es auch hier mal wieder eher keinen Café gibt.
An guten Tagen kann man von hier aus angeblich erstmalig die Pyrenäen sehen. Wir sehen vor allem eine sehr dichte und flächige Wolkenfront, deren hohes Ende Kälte und Regen anküdigen. Und allem Anschein nach Wind. Na, dann müssen wir wohl etwas auf die Tube drücken, um auf den letzten Kilometern der Reise nicht doch noch nass zu werden!
Weiter geht es, sonnig landein landaus, der Wind macht nochmal Pause. Die Wegführung ist teilweise etwas umständlich, denn anscheinend ist nicht jeder Landbesitzer damit einverstanden, dass ein Trampelpfad quer durch seine Liegenschaft läuft. So muss man um manche größeren Felder herumlaufen, andere können wir einfach durchqueren, eventuell auch, weil der Weg auf der Grenze der Besitztümer verläuft.

Völlig unspektakulär, hinter drei Müllcontainern: 999 Kilometer bis Santiago! Ultreia!

Bei Kilometer 23,7 gibt es neben einigen Mülltonnen einen bemerkenswerten Punkt, den wir an dieser Stelle nicht weiter hinterfragen, sondern in der am letzten Tag der (doch immer auch etwas anstrengenden) Reise mitschwingenden Erleichterung gerne zur Kenntnis nehmen: Noch weniger als 1.000 Kilometer bis Santiago! Wer auch immer das wie auch immer gemessen haben mag. Ich könnte zumindest die Angabe der Kilometer ab Le Puy prüfen. ist aber eigentlich auch wiederum nicht so wichtig. Wichtiger ist, jetzt nicht zu trödeln, denn der Wind gewinnt an Entschlossenheit und die Temeperatur beginnt zu fallen (Auf dem Bild sieht man, dass uns der Schatten der Wolkenfront jetzt, so gegen 4 Uhr Nachmittags, erreicht hat.).

Das erklärt auch, warum es ab jetzt keine Bilder mehr gibt. Die sonnige Stimmung ist verschwunden, wir täten dann jetzt gerne mit der Sonnenwärme im Herzen trocken in Lectoure ankommen wollen.

Zum Greifen Nahe und noch trocken: Lectoure

Das ist uns auch vergönnt. Fast zumindest. Wir zwiebeln uns Stück für Stück ein, die Ärmel gehen runter, die Beine kommen an die Hosen, es wird kühler und kühler, aber wir bleiben ja in Bewegung. Um Kilometer 27 herum wird der Horizont richtig grau und es beginnt, zu nieseln. Ach, bestimmt nur ein Paar erste Tropfen. Um Kilometer 29 wird klar: Wir verlieren das Rennen. Unter zwei Bäumen an der Kreuzung einer etwas mehr befahrenen Strasse legen wir die volle Regenkleidung an, und das ist kein Bißchen zu früh. Auf den letzten vier Kilometern werden wir mit dem Ziel (meist) vor Augen volles Programm gewaschen. Auch auf so kurzer Strecke kann man deutlich nass werden. Immerhin lassen Regen und Wind uns in der Nähe der Friedhofsmauer eine Verschnaufpause, in der wir uns überlegen können, wie wir zu einer Unterkunft kommen. Im Vertrauen auf Lectoure als größere Stadt haben wir nichts vorgebucht.
Das war ein Fehler, denn offensichtlich waren wir nicht die Einzigen, die sich vor dem Wetter hierher geflüchtet haben. Bevor wir lange herumtelefonieren, stellen wir fest, dass auf dem Weg in die Stadt hinein direkt am Weg ein Hotel wäre.
Hm…ein richtig gutes Bett und ein eigenes Bad wären jetzt für den letzten Abend deutlich netter als eine durch überall verteilte trocknende Klamotten dampfig-klamme Herberge.
Vorsichtig treten wir – die nassen Rucksäcke draussen lassend – ein und erhalten mit spitzen Fingern einen Zimmerschlüssel. Verbunden mit der bitte, unsere nassen Kleider doch zum trocknen hier aufzuhängen…

Das Zimmer ist nett, warm und der Regen prasselt auf das Dachfenster über dem weichen Bett. Nach einer warmen Dusche kein schlechter Platz für die Planung des weiteren Abends. Als es zeitlich Richtung Abendessen geht, ist auch die Regenfront durch.
Also trauen wir uns in Erwartung üppiger Gastronomie auf der traditionellen Hauptstrasse vor die Tür. Und werden ziemlich enttäuscht. Die wenigen Lokale, bei denen Licht brennt, sind rammelvoll und das Personal gibt uns klar zu verstehen, dass heute Abend auch schon die zweite und dritte Schicht voll ausgebucht sind. Die Strasse ist lang, und wir laufen sie ein Mal bis an jedes Ende. Keine Chance. Tripadvisor hat noch weniger Ideen als gelegentliche Passanten. Fast wieder zurück am Ausgangspunkt der Suche sehen wir im Schaufenster eines Weinladens, wie sich dahinter ein Paar zum Gehen anschickt.
Dort kriegen wir zwar praktisch nur Vorspeisen (oder war es vielleicht haute-cuisine?) zu Essen, aber der Wein tut ein Übriges.

Und so wird es wieder schnell Nacht…

Fazit des Tages:

Lange Etappe durch eine herrliche Landwirtschaftsgegend. Dennoch sehr dürftige Infrastruktur. Am Ende haben wir dann noch gelernt, dass wir die Regenkleidung nicht umsonst mitgenommen haben. Eigentlich ein würdiges Ende dieser Etappe.

Download file: 56AuvillarLectoure.gpx

One Reply to “56. Tag: Auvillar – Lectoure”

  1. Sebastian Anders

    Hallo Frank,

    ich bin im Internet über deine Reiseberichte gestolpert.

    Meine Name ist Sebastian und ich wohne in der Nähe von Frankfurt und habe mir vorgenommen den Jakobsweg von Zuhause aus nach Santiago de Compostela zu gehen. Ich würde mich freuen, wenn du Lust hättest deine Erfahrungen mit mir zu teilen und mir vielleicht ein paar Tipps auf meine Reise geben würdest.

    Ich würde mich auf eine Rückmeldung freuen, Vielleich könnte man sich ja mal vorher treffen.
    Ich werde mich voraussichtlich nach Ostern auf den Weg machen.

    Viele Grüße
    Sebastian

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