21. Tag, die Zweite: Zwangspause in Dijon

Samstag, 17. Oktober 2015
Strecke: 0km – Etappe: 191,3km – Gesamt: 705,6km
Gehzeit: ??

Was sich schon beim Zubettgehen abzeichnete wird nach dem Aufwachen zur erdrückenden Gewißheit:
Die Symptome sind wirklich die gleichen wie im letzen Herbst, und die zugehörige Seuche scheint auch die gleiche zu sein.
Wenn ich jetzt mit etwas Glück und ziemlich schnell einen Arzt finde und den von meiner Selbstdiagnose überzeugen kann, muß ich vielleicht doch nicht direkt heimfahren.
Ich verhandele also im Hotel, daß ich meinen Kram noch dort lassen kann, bis ich Bescheid weiß, erfahre den Weg zum nächsten Arzt und kriege von der freundlichen Wirtin sogar noch einen Termin für Barzahler gemacht.
Beim Arzt angekommen, werde ich freundlich empfangen und er folgt meinem Diagnosevorschlag etwas erstaunt und prompt.
Wundrose, auf französisch und in der internationalen Medizin “Ersipiel”, hätte er noch nicht so oft gesehen, aber ja, das wäre wohl eine, da würde wohl im ersten Schritt nur Antibiotikum und mindestens drei Tage absolute Ruhe helfen. Danach könne ich vielleicht vorsichtig weiter.
Das Antibiotikum und eine Salbe kriege ich bei der Apotheke um die Ecke, zwischenzeitlich pocht’s im Bein ganz ordentlich.
Ich erinnere mich an die Szene aus “Casino Royale”, in der 007 vergiftet aus dem Casino zu seinem Aston Martin stolpert und nehme die erste Pille direkt auf der Straße ein…
Drei Tage Ruhe? Ne, das kommt nicht in die Tüte. So sehr sind wir dann doch nicht zum Spaß hier!
Aber das mit dem kurzen Stadtrundgang und dann noch 20km wird dann heute wohl nichts mehr.
Ich beschließe, dann heute einen ziemlich Ruhigen in Dijon zu machen und zu schauen, ob das Antibiotikum Wirkung zeigt.
Wenn ja, geht’s morgen vorsichtig weiter. Da ist schließlich kein wilder großer Wald mehr, sondern relativ stetige Zivilisation. Wenn’s nicht klappt, kann ich ja immer noch heim fahren.
Zurück im Hotel mache ich erst Mal das Zimmer für die kommende Nacht klar und haue mich mit dem Stadtplan aufs Ohr.
Beim Aufwachen fällt mir eine gestrichelte Linie im Stadtplan auf, die sich irgendwie durchs Zentrum der Stadt schlängelt.
Ich schaue sie mir genauer an und stelle fest, daß es ein Rundweg von etwa 5km entlang der wesentlichsten Sehenswürdigkeiten ist. Na, dann mal los!
Für touristisch-unauffälliges Geschlender in einer samstäglich-geschäftigen Stadt bin ich so rein modisch überhaupt nicht ausgerüstet.
Unwillig spuckt mein Rucksack aus seinen extremsten Tiefen die leichten Turnschuhe, die Kompressionsstrümpfe und eine Garnitur Leibwäsche zum Wechseln aus. Gute Gelegenheit für den “kleinen Waschtag”!
Ich schnalle mir die Kamera um und tapere los.
Und da müßt Ihr jetzt halt durch…

Der Rundweg ist durch alle paar Meter im Boden eingelassene Messingpfeile idiotensicher gekennzeichnet. Wo es etwas zu sehen gibt und es sich für Touristengruppen empfiehlt, den Blick vom Smartphone in die Höhe schweifen zu lassen, sind im Boden Eulen eingelassen.
Der Einstieg ist leicht zu finden; er ist direkt vor dem Hotel.

Die Stadt ist auch heute wieder voller gut ausgerüsteter Polizei-Kräfte. Alle öffentlichen Gebäude sind besonders geschützt.
Die Zeitungsstände geben nichts zu der besonderen Sicherheitslage her.
Aber der Helikopter, der am Himmel dauerhaft über der Stadt kreist, macht mich schon ein wenig nervös.
Nur mich allerdings, die normale Bevölkerung scheint ihn nicht wahrzunehmen.

Das Antibiotikum scheint einzugreifen, und so setzte ich den Rundgang nach einer kurzen Pause bei guter Straßenmusik fort.
Natürlich mit einer Kirche.

So, jetzt muß ich den Bilderstrom aber mal kurz abreißen lassen um vorab ein paar Takte zum nachfolgenden Artefakt zu sagen:

Jakobsweg Dijon Marienstatue in Notre Dame

Nicht im eigentlichen Sinne schön, aber doch irgendwie beeindruckend: Marienstatue in Dijon.

Diese Form der Mariendarstellung war vor etwa 800 Jahren (!) der letzte Schrei. Zwar hat dann jede Generation von Kirchenbaumeistern noch ein wenig daran herumgedengelt, so daß über den Originalzustand nur gemutmaßt werden kann.
Es ist aber dennoch beeindruckend, eine für hiesige Verhältnisse doch eher frühchristliche Darstellung live und für umme aus nächster Nähe sehen zu können.
Spirituell gab mir das eher etwas mitgenommene Stück dunklen Holzes jetzt aber dann doch eher weniger.
Man glaubt übrigens zu wissen, daß die ursprüngliche Darstellung noch ein Kind beinhaltete.
Das wurde entweder irgendwann zensiert oder vom Holzwurm vertilgt.

Aus der Kirche heraus, links um die Ecke komme ich zu einem der Wahrzeichen von Dijon.
Der Chouette (Eule), als solche nach einem Vandalismus-Schaden kaum noch zu erkennen.
So abgegriffen, wie sie dennoch ist, ist es wohl gut, sie anzufassen.
Das tue ich so rein prophylaktisch. Das mit der linken Hand lese ich erst später im Hotel. Ich habe sie natürlich aus rein praktischen und ergonomischen Gründen mit der rechten Hand angefasst. Hab’ ich’s jetzt so rein karma-mäßig versaut? Habe ich meine einzige Chance auf meinen ganz persönlichen Wunsch ans Universum vergeigt?
Mein Hotel ist um die Ecke, ich komme zum Abendessen nochmal dort vorbei und korrigiere meinen groben Fehler. Gleich mehrfach. Viel hilft viel.

Und wieder im Hotel. Mittagsschlaf, Fuß hochlegen.
Es passiert an diesem Tag nicht mehr viel. Ich besurfe noch ein paar touristische Details des gerade gesehenen, werfe einen Blick auf die Planung für morgen und finde an der Markthalle ein erschwingliches Menü.
Dort erfahre ich übrigens, daß das Polizeiaufgebot tatsächlich nur wegen eines Fußballspiels war, das etwas außerhalb der Stadt stattfand. Man hatte wohl Angst, daß der Enthusiasmus am Rande des Spiels in das geordnete Leben der Stadt schwappt…
Damit ist mein Bedarf an Zivilisation und Menschenauflauf erst mal gedeckt.
Das Bein ist zwar nicht wesentlich dünner geworden, aber eben auch nicht dicker. Es ist etwas kühler und tut weniger weh.
Hoffentlich bleibt das so und ich kann morgen vorsichtig weiter.

Sicherheitshalber nehme ich das Antibiotikum mit etwas halbrohem Fleisch und etwas mehr Rotwein ein.
Und auch an diesem Abend schlafe ich ziemlich früh und tief.
Die eher heftigen Etappen der letzten Tage stecken mir schon noch deutlich in den Knochen!

Fazit des Tages:
Ein Pausentag ist nicht immer pure verlorene Zeit. Aber schon ziemlich.
Dijon war ein guter Ort um dort einen Tag zu vertrödeln. Und ich hatte ziemliches Glück, daß mich die Seuche dort gepackt hat.
Denn ich hatte schnellen Zugriff auf einen Arzt und eine Apotheke. Das wäre in der Gegend, aus der ich gerade kam, eine ganz andere Herausforderung gewesen.
Wie sagte Karl? “Auf dem Weg fügt sich das alles immer irgendwie auf ganz wundersame Weise überraschend passend!”

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