9.Tag: Perl – Kédange-sur-Canner

Samstag, 28. März 2015
Strecke: 31,0km – Etappe: 48,3km – Gesamt: 301,7km
Gehzeit: 8:30 brutto / 6:45 netto

Es hatte mich vor dem Einschlafen noch etwas Überzeugungskraft gekostet, 8:30 als “fertig-vor-der-Tür-Zeit” durchzusetzen.
Aber am Morgen schaffe ich das restliche Bißchen, und um kurz nach halb neun starten wir die Elektronik.
Eher im Loslaufen sehe ich an der Quiriniuskirche noch ein Schild, das auf den Stempelkasten hinweist.

Wir wenden uns bei heiterem Wetter aus Perl bergab Richtung Mosel, mit ganz schlanken und frischen Füßen.

Direkt an der Mosel wird der Verkehr kurz etwas dichter. Wir überlegen, ob wir uns den schlenker durch Luxemburg geben möchten oder die eineinhalb Kilometer lieber sparen möchten. Die Aussicht, in den Weinbergen ein klein wenig Panorama und Sonne zu haben schlägt die Aussicht, an den Bahngleisen entlang an der Mosel entlang zu treideln um Längen.
Und so finden wir uns schon bald im “bekanntesten Dorf der Welt” – so die Eigenwerbung.
Der Weg führt nach der Moselbrücke direkt an die Uferpromenade an ein wirklich unterhaltsames Denkmal, auf das wir uns ein klein wenig einlassen. Die Welt arbeitet daran, Sterotypen und Klischees abzubauen, dieses Denkmal zelebriet sie ungehemmt. Für jedes dem freien Reise-Raum des Schengen-Abkommens beigetretene Land gibt es einen Stern.
Wer drauf steht, mag jetzt bitte “We didn’t start the fire” von Billy Joel auflegen.
Und jetzt kommt das heitere Nationen-Raten:

Wir reißen uns los und traben entlang der Mosel weiter.
Die Uferpromenade endet kurz vor der französischen Grenze, wir überqueren die Straße und erklimmen das Moseltal etwa halb im Wald.
Der Wald entdet, und wir erreichen die ersten französischen Weinberge. Leider bei zwischenzeitlich deutlich getrübtem aber noch trockenem Panorama.
Wie gut das Panorama ansonsten sein mag, läßt sich sicherlich auch ein Stück weit anhand der bei etwa 5km stehenden Villen kurz vor Contz-les-Bains ermessen. Hier wohnen zweifelsfrei die ganz Bedürftigen.
Wir sparen uns den Schlenker durch den Ort und orientieren uns direkt Richtung Moselbrücke.
Das ist jetzt wohl eine Gegend, wo jeder nur irgendwie durch will.
An der Straße entlang geht es etwa 2km nach Sierck-les-Bains.
Hier machen wir den folgenschweren Navigationsfehler: Wir verlassen uns auf den GPS-Track statt uns mit dem Pilgerführer rückzuversichern.
Im Ort steigt der Weg an und erklimmt den Hang, in dem Fall auf der Seite des Tälchens, die uns nicht (wie im Buch vorgeschlagen) nach Montenach führen wird. Es geht zunächst durch den Wald und dann führt uns der Track sehr ruhig und bequem nach Kerling-lès-Sierck.

Und weiter nach Lemestroff, einer echten Weltstadt mit Herz, die zum Verweilen einlädt. Ich gewähre gerne auch mal einen Blick hinter die Kulissen ausgewogener, gut durchdachter Ernährung mit professioneller Ausrüstung.

Spätestens hier hätten wir navigatorisch einlenken müssen um das nun folgende Disaster relativ bequem vermeiden zu können.
Also: Was auch immer Ihr tut, verwendet den Track dieser Etappe nicht zur Navigation!
Im Ort biegen wir links ab und halten uns dann am Ortsausgang rechts um uns der Festungsanlage Hackenberg zu nähern.
Denn die steht heute noch auf dem Sightseeing-Programm.

Jakobsweg Hackenberg Ansicht Festungsseite

Die Geschütze der Festung hatten eine Reichweite von mehr als 10km…

Die praktisch vollständig erhaltene, als Museum ausgebaute große Bunkeranlage der Maginot-Linie sollte heute planmäßig um 14:30 eine Führung anbieten.
Wir nähern uns dem Festungsberg von der “bösen” Seite. Auch, wenn man schon ein wenig hinsehen muß um es zu erkennen.

Durch eine Furche führt ein Weg auf die Festungsanlage zu. Am Ende der Furche endet auch der Weg.
Wir kämpfen uns die Böschung hoch – glücklicherweise sind die Dornen noch nicht so stark gewachsen – und am Ende eines Feldes erwartet uns neben einem jetzt schon recht dichten Gebüsch ein Stacheldrahtzaun.
Wir finden eine Stelle, an der ein Baum den Zaun niedergedrückt hat und suchen einen Weg bergauf.
Das ist ein ziemlicher Kampf, der neben viel Zeit auch sehr viel Energie kostet.
Wir erreichen den Weg auf der Höhe und folgen ihm entnervt in Richtung Festungsanlage.
Von der sieht man praktisch nichts – klar, denn wir sind jetzt auf der “guten” Seite des Berges – bis wir ziemlich überraschend vor dem Eingang für Frauen stehen. Um den Eingang herum sind noch Reste der Sperre für den alleräußersten Verteidigungsfall erhalten. Ein wenig weiter empfängt uns der Haupteingang für Männer und Material. Hier sind wir nun aufgrund unserer ausführlichen Erkundung der unerbittlichen Nordflanke des Berges zu spät für die Führung. Zumal uns ein Schild am Eingang darüber aufklärt, daß die heute ausnahmsweise schon um 14 Uhr gewesen wäre.
Klingeln hilft nicht.
Nun gut, das hätte man sich bei einer Festungsanlage auch denken können.

Wir wenden uns von der Festung ab und hören Schüsse.
Die Quelle ist schnell ausgemacht: Der halbe nächste Ort ist eine riesige Paintball-Anlage.

Ein Blick auf die Karte macht uns die Entscheidung leicht. Statt östlich um den nächsten Hügel herumzulaufen nehmen wir die Westseite und halten uns an den wenig befahrenen Straßen in Richtung unseres Etappenziels.

Jakobsweg Helling Gartentümpel mit morscher Brücke

Morbider Charme des Dorftümpels in Helling

Wir erreichen Kédange-sur-Canner bequem und finden das Hotel problemlos.
Das hat auf, ein Zimmer frei, ein Restaurant dabei und damit ist alles gebongt.
Als wir über den Parkplatz laufen, fallen die ersten Regentropfen.

Eine warme Dusche später treibt uns der Hunger verfrüht gegenüber landestypischen Gewohnheiten in das Restaurant.
Das genügt schon auf den ersten Blick jedem Klischee, denn es preist neben dem ersten Spargel der Saison schon auf den Aufstellern vor der Tür Froschschenkel an. Und Muscheln. Und weiß-der-Geier-welche anderen Dinge, für die mir glücklicherweise die französischen Vokabeln fehlen.
So bleiben Hoffnung, Appetit und Laune erhalten.
Es gibt frisch gezapftes Bier, und das zischt ziemlich.
Die Speisekarte nährt die Hoffnung durch das Vorhandensein einer Wochenkarte mit erschwinglichen Menüs. Das erleichtert auch die Auswahl mit schwachem Sprachverständnis in kulinarischen Belangen.
Es gibt dann eine wärmende Suppe mit Flußkrebs-Fleisch(?) – na, ganz ohne Kroppzeugs geht’s wohl heute nicht.
Zügig füllt sich das Lokal gut und die Gäste bestellen die Spezialitäten des Hauses. Gerne auch zwei Portionen davon.
Als Hauptspeise gibt’s ein übersichtliches Stück Fleisch mit ausreichend Beilagen in Rahm-Sauce, begleitet von einem frischen Bier und als Nachtisch einen warmen Apfelkuchen.
Danach noch einen Espresso und ein Bier für den letzten Durst und ab ins Bett!

Das war zwar definitiv noch nicht der letze Durst, aber die Rechnung am nächsten Morgen spricht eine klare Sprache: 50 Euro pro Nase, davon etwa die Hälfte für Bier und Espresso. Die spinnen, die Gallier!
Mein Mitläufer (aus Bayern) kann’s noch weniger fassen, denn er begreift Bier als Grundnahrungsmittel…

Fazit des zweiten Tages:
Nicht blind GPS-Tracks vertrauen, die man nicht selbst nochmal geprüft hat!
Der Fehler hat uns sehr viel Zeit und Kraft gekostet, insbesondere meinen Mitwanderer, denn der “hat Knie”. Da war das weglose Gewackel ganz genau richtig.
Mit dem Wetter noch immer Glück gehabt und trocken geblieben.
Und am Ende ordentlich müde angekommen.
Das war wohl am Limit aber eben gerade noch auf der guten Seite.

Download file: 09_perl_kedange.gpx

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